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Als Rollstuhlfahrerin barrierefrei unterwegs? Aber nicht mit dem Zug!

Eigentlich wünscht sich die Tochter von Daniela Möller nur das, wovon viele sechsjährige Mädchen träumen: Tanzunterricht. Dass es aber nicht so einfach ist, diesen Wunsch zu erfüllen, wenn man in Schandelah (Landkreis Wolfenbüttel) wohnt und wie Daniela Möller Rollstuhlfahrerin ist, zeigt der folgende Fall. Denn sie braucht für eine Strecke, die Nicht-Rolli-Fahrer in zehn Minuten bewältigen, fast drei Stunden. Schuld daran ist die fehlende Barrierefreiheit am Bahnhof.

Seit sieben Jahren sitzt Daniela Möller wegen ihrer Multiplen Sklerose im Rollstuhl. Dabei ist es der 36-Jährigen wichtig, ihrer Tochter die normale Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Und dazu gehört eben auch der Tanzunterricht in Braunschweig. Doch damit fingen die Probleme für die Rollstuhlfahrerin erst an. Da ihr Mann tagsüber arbeitet, will sie ihre Tochter in die Tanzschule begleiten. Und für den Weg in die Löwenstadt scheint das auch kein Problem zu sein: Nach vorheriger Anmeldung bei der Deutschen Bahn kann sie vom Bahnhof in Schandelah nach Braunschweig fahren. Doch für den Rückweg sieht es anders aus, denn der Zug hält auf Gleis 3. Dieses Gleis ist allerdings nur über Treppen erreichbar – für Daniela Möller ein unüberwindbares Hindernis. Einen Fahrstuhl gibt es nicht.

Auf Anfrage bei der Deutschen Bahn wurde ihr eine Alternative angeboten: Sie könne ja mit dem Zug weiter bis nach Königslutter oder Helmstedt fahren, dort umsteigen und zurück nach Schandelah fahren. Bei dieser Verbindung werde sie dann auch auf dem barrierefrei zugänglichen Gleis ankommen. Beide Möglichkeiten haben Mutter und Tochter ausprobiert und sind dabei auf weitere Probleme gestoßen. 

„Durch lange Umsteige- und Wartezeiten waren wir zum Teil fast drei Stunden unterwegs. Für eine Strecke, für die Nicht-Rolli-Fahrer gerade mal zehn Minuten brauchen. Und das bei Wind und Wetter“, berichtet Daniela Möller. Die Busverbindung kann sie leider auch nicht nutzen: „Die Linie aus Braunschweig fährt Schandelah leider nicht an. Eine Ausnahme scheint da auch nicht möglich, obwohl es nur ein Umweg von zwei Kilometern wäre.“

Ihre Anfragen nach Unterstützung blieben bislang weitestgehend ungehört. Egal, ob sie bei der Bahn, beim Ortsrat, bei der Gleichstellungsbeauftragten oder der Verkehrs AG nachgefragt hat, niemand konnte ihr wirklich weiterhelfen. Mittlerweile ist sie sehr verzweifelt: „Auch, wenn ich das Haus verlassen kann, ich fühle mich oft wie in einem Gefängnis.“ Besonders macht ihr zu schaffen, dass ihre Tochter in diesem Punkt darunter leiden muss, dass sie im Rollstuhl sitzt. „Wir mussten ihren Besuch in der Musikschule absagen, weil ich dort auch nicht ohne Probleme hinkomme“, erzählt Daniela Möller weiter.

Und eine Lösung scheint derzeit nicht in Sicht: Der Bahnhof in Schandelah, der vor seinem Umbau 2007 barrierefrei zugänglich war, hat sich in diesem Punkt verschlechtert. Und die Wiederherstellung der Barrierefreiheit seitens der Bahn ist leider nicht geplant. Das liegt in erster Linie daran, dass laut der Deutschen Bahn zu wenige Fahrgäste in Schandelah ein- und aussteigen – nämlich etwas über 400 anstatt der benötigten 1.000. „Wir sind seit Jahren mit den Verantwortlichen im Gespräch, damit diese Tausender-Regelung endlich mal gekippt wird. Bislang stoßen wir da aber immer auf taube Ohren“, erzählt Bernd Skoda, der im SoVD als Berater für barrierefreies Bauen zuständig ist und sich auch mit der Barrierefreiheit an Bahnhöfen beschäftigt.

Gerade der ländliche Raum werde im Hinblick auf Teilhabe mobil eingeschränkter Menschen oft sträflich vernachlässigt. Da müsse dringend nachgebessert werden, und der SoVD werde auch nicht locker lassen.

Bis sich an der Situation in Schandelah etwas ändert, ist Daniela Möller darauf angewiesen, dass ihr Mann sie und ihre Tochter jedes Mal aus Braunschweig abholt, obwohl er eigentlich in Wolfsburg arbeitet. Gesellschaftliche Teilhabe – zu der Deutschland sich 2009 mit Anerkennung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet hat – sieht allerdings anders aus.




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