„Tag der Nachbarschaft“

Schaufenster der Einsamkeit
Wann immer unser Blick auf das gegenüberliegende Haus fällt, sitzt dort unser Nachbar – ein älterer Herr, vielleicht Mitte siebzig – hinter seinem großen Balkonfenster an seinem Schreibtisch vor seinem Bildschirm. Tag aus, Tag ein, Nacht aus, Nacht ein und Jahr für Jahr. Von Besuchen keine Spur und nur selten sieht man ihn für Erledigungen vor seiner Haustür. Schnell etabliert sich beim Blick auf die Fensterfront der Begriff „Schaufenster der Einsamkeit“ und daraus folgerichtig die Überlegung, ob wir einfach mal Kontakt aufnehmen sollten. Bei der Überlegung bleibt es.
Das ist jetzt einige wenige Jahre her. Eines Abends war der Platz am Schreibtisch leer und am folgenden Morgen ebenso. Als sich am Abend noch kein anderes Bild bot, habe ich die Polizei angerufen, mit der Bitte, mal zu schauen. Die folgenden Szenen, die für uns durch das Balkonfenster sichtbar waren, ließen die schlimmste Befürchtung Wahrheit werden. Der Leichensack auf der Trage, die in den Transporter des Bestatters geschoben wurde, wirkte viel kleiner als der Mensch, den wir jahrelang wahrgenommen hatten. Die Polizistin informierte uns telefonisch und setzte uns davon in Kenntnis, dass der ältere Herr wohl schon einige Tage tot in der Wohnung lag. Für uns insofern beruhigend, weil ein schnelleres Handeln am Vortag nicht wirklich etwas geändert hätte. Aber auch Jahre später bleibt die Frage, ob Einsamkeit zumindest ein Teil der Todesursache war und ob wir einen Beitrag hätten leisten können, dem zu begegnen.
Die Antwort darauf ist nicht einfach. Als Menschen, die beruflich und privat für andere Menschen da sind und da sein müssen, sind unsere (mentalen) Ressourcen auch begrenzt. Und wir wissen nicht, ob unser Nachbar wirklich einsam war und offen für eine Ansprache gewesen wäre. Das Erlebnis hat uns auf jeden Fall bewegt und das Thema Einsamkeit für uns fast buchstäblich ins Schaufenster gestellt.
Sichtbar ist Einsamkeit also, wenn wir nicht achtlos durch das Leben schlendern. Was wir daraus machen, liegt an uns.
Volker Werner